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| Stick It Where The Sun Don't Shine
"Wir nehmen uns halt immer die Freiheit, genau das zu machen, was wir wirklich wollen", grinst Gitarrist Koffl, wohl wissend, dass er mit "Electrified" das stärkste PC 69-Album seit "Games People Play" in der Hinterhand hat. " Es muss einfach ein bisschen Bewegung in der Musik sein, denn ich hätte keine Lust, 20 Jahre lang immer das Gleiche zu machen. Und eigentlich haben wir uns ja schon mit der letzten Platte ein wenig in die Richtung bewegt, die wir jetzt verfolgen. Wir haben zu analysieren versucht, wo unsere Stärken und Schwächen liegen, und sind zu dem Schluss gekommen, dass starke Melodien, gute Hooklines und griffige Riffs unsere Trademarks waren - und genau darauf haben wir uns wieder stärker besonnen." Zudem fällt auf, dass sich David Readmans Gesang mittlerweile optimal ins Gesamtgefüge einpasst und variabler geworden ist... "Das liegt daran, dass ich diesmal beim Songwriting enger mit Dennis (Ward, b. - Red.) zusammengearbeitet habe. Wir haben die Sachen ausserdem kaum eingeprobt und dafür viel mehr Zeit im Studio verbracht, weshalb vieles sehr spontan entstanden ist." Die Fans dürften jedenfalls ziemlich zufrieden mit dem neuerlichen Kurswechsel sein, kommt "Electrified" doch den erfolgreichen ersten drei PC 69-Scheiben am nächsten. Nach dem Release von "Change" zeigte das Following der Band hingegen sprichwörtlich die rote Karte. Betrachtet die Band besagten Longplayer eigentlich im nachhinein als grossen Fehler? David Readman verneint: "Das war genau das, was wir seinerzeit vorhatten, und ich bin immer noch stolz auf die Platte - ganz besonders, weil es das erste Album war, das ich jemals aufgenommen habe. Womit ich persönlich sehr unglücklich bin, ist der Sound auf "Change". Meine Stimme wurde zum Beispiel zu sehr in den Hintergrund gemischt. "Ich glaube nach wie vor, dass einige sehr geile Songs auf "Change" stehen", ergänzt Koffl, "aber die Produktion hat tatsächlich einiges verfälscht. Wenn wir das Ding heute noch mal neu und mit dem Sound von "Electrified" aufnehmen würden, hätte man einen ganz anderen Eindruck von der Sache." Vielleicht hättet ihr schon damals euren Basser Dennis hinters Mischpult setzen sollen... "Ja, er hat ?nen sehr guten Job abgeliefert, gelle?" grinst der Gitarrist. "Aber vor ein paar Jahren wäre das noch nicht möglich gewesen, weil ihm damals noch rein technisch die Erfahrung gefehlt hätte - und auch wir als Band wären seinerzeit noch nicht in der Lage gewesen, eine Produktion komplett in Eigenregie durchzuziehen." Neben den sehr eingängigen Songs und der exzellenten Produktion fällt aber auch auf, dass "Electrified" einen ganzen Zacken härter geworden ist als das bisherige PC 69-Material. Eine Doublebass-Nummer wie 'Over The Fire' stösst sogar fast schon in Hammerfall-mässige Power Metal-Regionen vor... "Stimmt, sowas hatten wir seit "Games People Play" nicht mehr im Programm", bestätigt Koffl. "Andererseits hätte ein solcher Song vom Konzept her überhaupt nicht auf die letzten beiden Platten gepasst. ?Over The Fire? stammt übrigens von mir, und dieses Stück ist mir besonders leicht von der Hand gegangen, weil ich sowas einfach im Blut habe. Ausserdem haben wir bei dieser Nummer erstmals mit zwei Gastsängern gearbeitet (Ralf Scheepers von Primal Fear und D.C. Cooper von Royal Hunt - d. Verf.). Bei anderen Musikstilen wie z.B. im HipHop ist sowas ja gang und gäbe, aber im Hardrock-Bereich passiert das eher selten. Funktioniert hat?s auf jeden Fall prima." Bleibt aber die Frage, ob es überhaupt noch ein Publikum für die Mucke der Pinkies gibt, denn während der klassische Power Metal eine kleine Renaissance erlebt, Death- und Black Metal-Sounds immer noch zahlreiche Liebhaber finden, neuartige Stilrichtungen förmlich explodieren und sogar für AOR wieder ein wachsendes Publikum existiert, fristet der klassische Melodic Metal momentan ein regelrechtes Mauerblümchendasein... "Eigentlich haben wir ja immer ein wenig zwischen den Stühlen gesessen", glaubt Koffl, "denn so richtig eindeutig konnte man uns nie in eine Schublade einordnen, was, kommerziell gesehen, natürlich gar nicht mal so glücklich war, uns aber dafür eine gewisse Eigenständigkeit verliehen hat. Ich glaube aber, dass im Zuge des True Metal-Revivals auch der melodische Hardrock erfolgsmässig wieder nachziehen wird. Es ist auf jeden Fall ein gutes Zeichen, dass in Amerika solche Bands wie Great White oder Ratt wieder gesignt werden, und möglicherweise schwappt das ja auch nach Deutschland rüber. Vielleicht wird unsere neue Platte dabei ja sogar eine Vorreiter-Rolle übernehmen." Wäre der sympathischen Band, die seit fast zehn Jahren regelmässig Platten abliefert und auf Tour geht, jedenfalls zu wünschen. Ich frage mich allerdings, ob einer Truppe, die schon so lange dabei ist, nicht langsam die negativen Begleiterscheinungen des Business zum Halse raushängen. Es gibt schliesslich genügend geldgierige Manager, unfähige Plattenfirmen-Leute, nervende Schreiberlinge oder Clubbesitzer, die einer Band nicht mal den geringsten Respekt entgegenbringen. Und auch bei PINK CREAM 69 wird sicherlich nicht immer alles glatt gegangen sein... "Ganz klar: Wie bei allen Dingen gibt es immer zwei Seiten der Medaille", meint Koffl. "Die schönen Momente sind, wenn du nach langer, harter Arbeit deine fertige CD in den Händen hältst und auf der Bühne stehst. Der Rest ist selbstverständlich nicht immer angenehm, aber man muss damit umgehen können, und nach zehn Jahren lernst du sowas. Man weiss, wie man gewisse Dinge einzuschätzen hat, und steckt Nackenschläge besser weg." "Ich mag wirklich jeden Aspekt an meinem Job", fährt David fort. "Ich habe immer davon geträumt, von der Musik leben zu können, und um dieses Ziel zu erreichen, muss man dieses Geschäft einfach lieben und 24 Stunden täglich für diesen Traum leben. Wenn du dich von den negativen Dingen zu sehr beeinflussen lässt, kommst du irgendwann an den Punkt, wo du dir die Haare abschneidest - äh, ?tschuldigung, Koffl - und darüber nachdenkst, ob du nicht doch lieber einem normalen Job nachgehen, eine Familie gründen und ein schönes Auto kaufen solltest. Wenn man anfängt, alles zu analysieren, und sich über jede Kleinigkeit aufregt, hat man schon verloren. Aber kann es denn etwas Grossartigeres geben, als auf der Bühne zu stehen und 2.000 Fans ausrasten zu sehen?" Hmm, Sex mit Sophie Marceau vielleicht, aber ansonsten... Na ja, lassen wir das und sprechen über die Beharrlichkeit, mit der PINK CREAM 69 ihr Ding durchziehen. Zu "Games People Play"-Zeiten war die Band ja richtig gut im Geschäft und zog jederzeit locker 1.000 Fans oder mehr in die Clubs. Auf der letzten Tour hingegen waren?s deutlich weniger, aber trotzdem war die Band nach wie vor mit viel Engagement bei der Sache. Überzeugungstäter eben. Die würden das wahrscheinlich auch noch mit vollem Elan durchziehen, wenn sie jeden Abend vor 200 Leuten in Jugendzentren auftreten müssten... "Wenn du hinter dem stehst, was du tust, hast du auch noch Spass, wenn du vor 50 Leuten spielst", stimmt Koffl zu. "Wenn?s nur um die Kohle gehen würde, hätte sich David wahrscheinlich längst als der neue Michael Bolton versucht, und ich würde bei irgendeiner Rammstein-Kopie anheuern - aber das ist nun mal nicht unser Ding. Wenn du an dich und deine Band glaubst, kannst du auch mal eine solche Talsohle durchschreiten." Wobei ihr aber sicher nichts dagegen hättet, wenn demnächst wieder mehr Leute bei euren Gigs auftauchen würden und ihr dadurch wieder in grösseren Clubs mit einer amtlichen Lightshow auftreten könntet... "Ganz klar", bestätigt Koffl. "Jeder Musiker, der dir erzählt, dass er gerne wieder in Clubs spielt, obwohl er früher 10.000er-Hallen gefüllt hat, ist ein Lügner - ausser er spielt bei den Rolling Stones, für die sowas wohl tatsächlich 'ne interessante Abwechslung ist. Ist doch ganz logisch, dass jeder Musiker versucht, soviel wie möglich zu erreichen. Aber solange Musiksender wie MTV oder Viva unsere Art von Musik komplett ignorieren, wird es für uns kaum möglich sein, den ganz grossen Sprung zu schaffen." Vielleicht würde ja eine Support-Tour mit einem richtig grossen Act helfen, aber seien wir ehrlich: Wie viele Bands aus dem melodischen Hardrock-Sektor gibt es noch, die grosse Hallen füllen können? Aerosmith vielleicht, aber dann hört?s auch schon langsam auf. Schluss mit den Gedankenspielen und auf zur Abschlussfrage: Parallel zum Release von "Electrified" wurden von der Plattenfirma PINK CREAM 69-Vibratoren als Promo-Gag herausgegeben. Was möchte uns die Band denn damit sagen? "Ooops, damit haben wir nichts zu tun", grinst David. "Macht damit, was ihr wollt, aber wir distanzieren uns von allem. Stick it where the sun don't shine..." Veröffentlicht:
"Rock Hard" #138, 1998 | |||||
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