Pink Cream 69
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Don`t bore us get us to the chorus!

Pink Cream 69Der sprichwörtliche "Change" von vor zwei Jahren hat PINK CREAM 69 so manche unwillkommene Folge beschert: Der Majordeal mit dem langjährigen Vertragspartner Sony Music ging flöten, und auch so mancher Fan der ersten Stunde ist der Truppe bei ihrer besetzungstechnischen (für Sänger Andi Deris kam David Readman) und musikalischen Kurskorrektur hin zum Sound der 90er verlustig gegangen.

Dennoch haben die Karlsruher keinen Grund, die Köpfe hängen zu lassen - sind sie doch gerade drauf und dran, den 1995 verlorenen Boden im Sauseschritt wieder wettzumachen. Ihr selbstfinanziertes und -produziertes neues Album "Food For Thought", mit dem sie beim rührigen Indie High Gain Records einen neuen Kontrakt ergattern konnten, erfreut sich satter Vorbestellungen und exzellenter Reviews, in denen das wiedererstarkte Bewusstsein des Multikulti-Vierers für mehrheitsfähige Melodien nachdrücklich gelobt wird. Rock Hard sprach mit Drummer Kosta Zafiriou über Fehler der Vergangenheit, Beschränkungen auf das Wesentliche und verzeihliche Gotteslästerungen:

Für den grossen "Change" gab’s seinerzeit nicht eben wenig Schelte von grossen Teilen des Stammpublikums, das sich mit eurer neuen Richtung nicht so recht anfreunden mochte. Wie siehst du das Album heute, mit dem Abstand von zwei Jahren?

"Die Schelte war eigentlich in dem Bereich geblieben, den wir erwartet hatten und wohl auch in Betracht ziehen mussten nach diesem verhältnismässig krassen Bruch. Ansonsten stehe immer noch sehr auf "Change". Was mich im nachhinein jedoch stresst, ist der Sound, der die ganze Sache verfälscht hat. Dieser grungige, moderne Klang, der - das muss man ganz ehrlich sagen - überhaupt nicht zu uns gepasst hat. Wenn ich mir die Scheibe jetzt anhöre, finde ich die Songs nach wie vor geil. Aber live kommen sie doch eine ganze Ecke besser als auf CD. Es ist halt schade, dass man das jetzt nicht mehr korrigieren kann."

Wie gross war der Schock, als Sony Music nach all den Jahren wie aus heiterem Himmel den Vertrag kündigten?

"Es kam schon sehr überraschend, weil erst kurz vor "Change" ein neuer Kontrakt aufgesetzt worden war. Das war ‘ne klassische Chefetagenentscheidung - unser A&R und der Product Manager erfuhren es am selben Tag wie wir und waren genauso geschockt. Mit den Verkaufszahlen soll das übrigens nichts zu tun gehabt haben; uns gegenüber wurde der Split damit begründet, dass sich die gemeinsame Arbeit im Laufe der Jahre ein bisschen totgelaufen habe und man nun frischen Wind in die Firma bringen wolle. Ich halte aber jede Wette - mit einer Null mehr hinter den Verkaufszahlen wären wir ganz bestimmt immer noch bei Sony (ach was - Red.). Der Absatz hat bei dieser Geschichte hundertprozentig eine Rolle gespielt, auch wenn das keiner so gesagt hat."

Gab’s nach der Trennung Angebote von anderen Majors?

"Einige Anfragen. Es war ja kein Geheimnis, dass wir wieder zu haben waren. Aber wir haben uns gesagt: Wir machen die Platte jetzt erst mal in aller Ruhe selbst, ohne dass uns jemand reinredet, und danach bieten wir das fertige Produkt an. Das war nicht ganz billig, weil wir uns im Studio doch relativ viel Zeit gelassen haben, und wenn man die Kohle komplett selbst vorstrecken muss, reisst das die Bandkasse ganz schön runter. Andererseits mussten wir keinen Produzenten bezahlen. Ich sage mal, dass sich die Investition in jedem Fall rentiert hat. Die Platte klingt so, wie "Change" hätte klingen sollen."

...und ist wieder keine Scheibe, die mit Andi Deris denkbar gewesen wäre.

"Sehe ich auch so. "Food For Thought" liegt stilistisch sicherlich mehr auf der Linie von "Change" als auf der von, sagen wir mal, "One Size Fits All"." Dennoch ist bei einigen neuen Titeln auch ein Bezug zur Vergangenheit nicht von der Hand zu weisen. Hört man sich etwa ‘Big Shot’ an, so scheint es, als hättet ihr euer altes Bewusstsein für klassisches Songwriting wiederentdeckt, und zwar mit allem, was dazugehört: simpler, schnörkelloser Aufbau, fliessende Arrangements, einprägsame Melodien, kapitale Refrains. "Ja klar. Als wir die neuen Songs im Proberaum ausgearbeitet haben, galt in neun von zehn Fällen: keine Nonsens-Arrangements. Wie du in der Plattenkritik geschrieben hast: Get to the point..."

Don’t bore us - get to the chorus...

"Ganz genau. Natürlich ist nicht jede neue Nummer so schlicht gestrickt wie ‘Big Shot’; in ‘Fade’ etwa steckt schon ein ganzes Stück mehr musikalischer Inhalt drin. Ich meine, wir sind nicht Queensryche oder Dream Theater, aber wir beherrschen unsere Instrumente und sehen keinen Grund, damit hinterm Berg zu halten. Ab und an darf es auch mal ein wenig "künstlerischer" sein, wenn’s denn passt - es hängt halt immer davon ab, was die ursprüngliche Songidee verlangt. Ein ‘Big Shot’ braucht natürlich keine tausend Breaks und Fills, das Ding muss geradeaus auf die Nuss gehen. Derlei Songs kamen auf "Change" ein bisschen zu kurz, deshalb haben wir sie diesmal ganz bewusst wieder ins Programm genommen, und ich bin sehr froh, dass ihr da draussen das auch so wahrnehmt.

Über dieses Thema ist im Proberaum mehr als einmal diskutiert worden, denn die Sensibilität dafür war uns zuletzt etwas abgegangen. Hör? dir nur mal ‘Funny Words’ an. Es ist gewiss nicht der schlechteste Song auf "Change", aber da passiert vor dem Chorus einfach zuviel. Erst kommt diese Introarie, dann die Strophe, dann dieses instrumentale Zwischending, dann eine Bridge, schliesslich noch mal das Intro mit dem Tom-Part und zu guter Letzt endlich der Refrain. Hier hätten wir uns mal besser so auf das Wesentliche beschränkt, wie wir es bei der neuen Scheibe getan haben. Aus einer solchen Masse an Ideen machst du an einem guten Tag normalerweise gleich drei Songs! Ich denke, man kann es so zusammenfassen, dass wir uns bemüht haben, die Stärken von "Change" und den alten PINK CREAM 69 irgendwie zu bündeln, um das Ganze dann noch mit dem Input von David zu kombinieren. Das ist ein ganz wesentlicher Aspekt von "Food For Thought". Als wir damals nach L.A. flogen, um "Change" aufzunehmen, war der Bub gerade mal ein halbes Jahr in der Band; als er zu uns stiess, standen schon die meisten Songs. Er musste sie nur noch einsingen. Diesmal hatte er dagegen die Möglichkeit, sich von Anfang an kreativ einzubringen."

U.a. soll auch die ‘We Will Rock You’-Coverversion seine Idee gewesen sein. Richtig?

"Ja, obwohl das eigentlich mehr ein Zufallsprodukt war als ein wirklicher Masterplan. David traf sich mit dem Koffel, um an Songs zu arbeiten, und als sie sich da gegenseitig Ideen vorspielten, packte Koffel dieses Riff aus, das eigentlich für ‘Until I Wake’ bestimmt war. David hörte es sich an und begann plötzlich damit, den Text von ‘We Will Rock You’ drüberzusingen, weil die Lyrics genau passten. Die beiden haben dann auf die Schnelle ein Vier-Spur-Demo aufgenommen und es am nächsten Tag im Proberaum aufgelegt. Wir alle fanden’s eigentlich ziemlich klasse, auch wenn zunächst keiner daran dachte, die Nummer tatsächlich auf die CD zu nehmen. Selbst als wir das Ding - mit neuem Arrangement ausgestattet und soundmässig auf Volldampf getrimmt - dann im Studio aufgenommen hatten, waren wir eigentlich gegen den Song. Sich an so ein Stück zu wagen, ist ja fast schon Gotteslästerung. Meine Maxime war immer, dass man von ‘Highway To Hell’, ‘Stairway To Heaven’ und auch ‘We Will Rock You’ besser die Finger lassen sollte. Aber dann hat uns unser Umfeld - Freunde, Bekannte, alle, die die Rough- bzw. Endmixes kannten - glücklicherweise doch davon überzeugt, dass die Nummer total geil ist und einfach mit auf die Scheibe muss. Ich meine, der Track klingt zwar jetzt ganz anders, aber wir haben dem Original doch wahrlich keine Schande gemacht, oder?"

Veröffentlicht: "Rock Hard", #121, 1997
Autor: Oliver Klemm

 
 
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