Pink Cream 69
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Kein Grund zum Heulen

Pink Cream 69Von der chartsverwöhnten Melodic Metal-Wunderwaffe mit einem fetten Majordeal im Rücken bis zur ignorierten Alternative-Truppe haben PINK CREAM 69 die Höhen und Tiefen des Musik-Business' wie kaum ein anderer einheimischer Rock-Act durchlebt. Seit einigen Jahren beweist sich das Quartett jedoch wieder als gut geölte Qualitätsmaschine. Dass dieser zweite Frühling kein Zufall ist, erfuhr das Rock Hard anlässlich der Veröffentlichung des neuen Albums "Endangered" im Gespräch mit Kosta Zafiriou.

Von wegen Drummer haben nix zu sagen. Der 35jährige Kosta entpuppt sich als Ohr-Abkauer erster Kajüte.

"Give the people what they need" heisst es gleich im "Endangered"-Opener 'Shout!'. Und was die Fans von PC 69 heutzutage verlangen, ist melodiöser Hard- bis Heavy Rock ohne die Experimente der beiden Mittneunziger-Scheiben "Change" und "Food For Thought". Bremst so eine Erwartungshaltung die Kreativität der Musiker?

"Bis zu einem gewissen Grad auf jeden Fall. Beim Beurteilen von neuen Song-Ideen überlegen wir, was die Fans eigentlich unter PINK CREAM 69 verstehen. Das hängt wie ein Banner über unserer Arbeit. Es geht also nicht nur um kompositorische Qualität, sondern auch um PINK CREAM 69-Tauglichkeit. Wir sind damals zu brutal auf die Fresse gefallen, um das einfach ausser Acht zu lassen. Trotzdem versuchen wir, unsere Grenzen immer neu abzustecken. "Electrified" (1998 - d.Verf.) war klassischer melodischer Hardrock, "Sonic Dynamite" (2000 - d.Verf.) hatte mehr Metal-Elemente, und jetzt sind wir wieder rockiger. Wir hatten für "Endangered" ungefähr 25 Roh-Ideen, aus denen wir wählen konnten, und da hat sich diese stilistische Linie schnell abgezeichnet."

Manche Bands nehmen Stücke erst fix und fertig auf und schmeissen sie dann weg, wenn sie ihnen nicht gut genug sind, manche sortieren schon im Proberaum aus...

"...und manche nehmen Songs auf, die sie sofort hätten wegschmeissen sollen, haha! Wir sind da sehr spontan. Dennis (Ward, PC 69-Basser - d.Verf.) produziert uns ja, und wir spielen die Alben in seinem Haus-und-Hof-Studio ein, wo wir sehr gute Preise bekommen. Dadurch hängt über uns nicht ständig die tickende Geld-Uhr. Wir können Songs auch während der Recordings noch völlig umarrangieren. Was uns nicht überzeugt, verlässt meist gar nicht erst den Proberaum. Dennoch haben wir über die Jahre einige Tracks gesammelt, die schon fertig aufgenommen waren und erst im letzten Moment zurückgezogen wurden. Die werden wir aber ganz bestimmt nicht veröffentlichen."

...und somit werden sich PC 69 nicht an Acts orientieren, die jeden Archiv-Müll noch für ein paar besser verdienende Die-hard-Fans in die Regale bugsieren. Wie erklärt sich Kosta eigentlich die Schwemme im melodischen Hardrock, die seltsamerweise parallel zur allgemeinen Rezession im Musik-Business verläuft?

"Wenn sich die Masse an Releases und die Rückgänge der Verkäufe so fortsetzen, hat wirklich bald jeder Fan seine persönliche CD", grinst der Grieche, der sich übrigens 'ne Woche vor dem Interview das Rauchen abgewöhnt hat. "Dieser scheinbare Widerspruch liegt an den sinkenden Produktionskosten. Das Risiko, ein Label zu gründen, ist kleiner geworden. Aber das ist nicht nur im Melodic-Rock-Bereich so. Sieh dir doch mal diese ganzen Helloween-Plagiate an! Da gibt's Tausende von."

Eine wirtschaftliche Bedrohung ist diese Entwicklung für PC 69 jedoch nicht.

"Wir sind eins der ganz wenigen Themen, bei denen dieses Jahr noch 'ne Steigerung drin ist. Wir haben uns von dem Desaster mit "Food For Thought" gut erholt und legen von Platte zu Platte zu. Sogar in Japan, wo fast jede Band die Verkäufe halbiert, gehören wir mit Stratovarius zu den einzigen Acts, die ihre Zahlen halten können. Dabei fühlen wir uns natürlich pudelwohl!"

Dieser Erfolg fällt dem Quartett allerdings keineswegs in den Schoss. Das Unternehmen PC 69 ist strikt organisiert. Gitarrist Alfred "Koffl" Koffler ist für das Komponieren der Musik zuständig, Sänger David Readman schreibt die Texte, Dennis produziert, und Kosta arbeitet bei Bottom Row, der Management- und Booking-Agentur von PC 69, und ist somit der Schreibtischtäter der Gruppe.

"Das hat sich bei uns so ergeben. Es hat auch finanzielle Vorteile, und das ist am wichtigsten, denn es geht heutzutage für viele Bands ums nackte Überleben. Dennis kann uns preiswert produzieren. Wir haben halt nicht mehr - wie damals bei der Sony - 250.000 Mark Budget pro Album. Wir verlegen unsere Songs auch selbst, und ich kümmere mich um den Verlag. Zudem bin ich der Tourmanager der Band, so dass wir niemanden anheuern müssen. Finde mal einen seriösen Tourbegleiter, der weder mit der Kohle durchbrennt noch über 400 Mark pro Tag kostet... Das kann bei einer vierwöchigen Tour das finanzielle Zünglein an der Waage sein."

Ihr habt also alles im Griff. Na ja, fast alles, wenn man sich das wenig pralle Cover von "Endangered" so ansieht.

"Ich hab's geahnt", lacht Kosta. "Da hast du unsere Achillessehne getroffen. Oder war's die Ferse, haha? Wir sind bei Artworks nicht sonderlich kreativ und auf Hilfe von aussen angewiesen. Es ist dieses Mal leider nicht der grosse geistige Erguss geworden. Die anderen Entwürfe haben uns dummerweise auch nicht gefallen. Dadurch kamen wir total in Zeitdruck."

Wer ist denn überhaupt die im Albumtitel angedeutete bedrohte Spezies?

"Ich beziehe das vor allem auf mich, haha! Nee, jetzt mal ernsthaft: Man kann das auf den klassischen Hardrock-Fan und -Musiker übertragen. Da läuft's lange nicht mehr so gut wie früher. Stattdessen kommen irgendwelche Krawallmacher oder Techno-Programmierer daher. Aber was sollen wir rumheulen? Wir beissen uns durch!"

Das zeigt sich auch an Davids Texten, die mal wieder meilenweit aus dem Herzschmerz- und Party-Geseier vieler Melo-Rocker herausstechen. Ganz besonders fällt dabei 'He Took The World' auf, das sich wie schon der 1993er Hit 'Keep Your Eye On The Twisted' mit dem Thema Rechtsextremismus auseinandersetzt, aufgrund der verwandten Metaphern aber auch auf das topaktuelle Problem des religiösen Fanatismus' übertragbar ist. Wird dieser textliche Anspruch von den Fans überhaupt honoriert?

"Ich gehe leider davon aus, dass wir nicht mal zehn Platten weniger verkaufen würden, wenn wir nur Blabla sängen. Die Lyrics werden speziell in der nichtenglischsprachigen Welt nicht besonders beachtet. Wir schreiben sie also vor allem, um unserem eigenen Anspruch zu genügen. Es war uns sehr wichtig, wieder so ein Statement wie damals mit 'Keep Your Eye On The Twisted' abzugeben. Koffl war ein bisschen nervös und fragte sich, wie die Leute reagieren würden. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass das jemand falsch versteht."

Ich mir auch nicht, wenn ich mir die Multikulti-Besetzung von PC 69 (ein Ami, ein Brite, ein Grieche und ein Deutscher) so ansehe. Doch sind die unterschiedlichen Backgrounds von euch bandintern überhaupt noch ein Thema?

"Man merkt das eigentlich gar nicht. Dennis ist der deutscheste Amerikaner seit der Erfindung des Kaugummis. Wir haben nun wirklich im Laufe der Jahre sehr viele Amis kennen gelernt, und die sind alle gleich. Sie haben diese Schwätzermentalität und finden immer alles toll. Dennis hingegen ist schon mit zwölf nach Deutschland gekommen und von seiner Art eher deutsch. Wir haben uns in der Band schon sehr früh darauf geeinigt, dass wir probieren, dass jeder in seiner Heimatsprache spricht und die anderen es verstehen. Dennis verstand unser Deutsch sehr schnell und wusste im Gegenzug, dass wir Englisch beherrschen. Davids Deutsch ist inzwischen sogar weitgehend perfekt."

Und wie sieht's mit deinem Griechisch aus?

"Ich bin mit der Sprache aufgewachsen, da meine beiden Elternteile Griechen sind. Aber ich habe immer in Deutschland gewohnt und daher parallel Deutsch gelernt. Seit ich nicht mehr zu Hause lebe, bin ich etwas aus der Übung. Wenn ich nach Griechenland in den Urlaub fahre, merken die Einheimischen schnell, dass bei mir sprachlich nicht alles so ganz in Ordnung ist..."

Veröffentlicht: "Rock Hard", #175, 2001
Autor: Jan Jaedike

 
 
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