![]() | ![]() | ![]() |
| |
| ||||
| Computer essen Seeele auf
Aber auch hierzulande rappelt's im Karton. PINK CREAM 69, die mit "One Size Fits All" 1999 immerhin in den deutschen Top-20-Albumcharts landeten, haben soeben mit "Sonic Dynamite" eine Scheibe vorgelegt, die den melodischen Heavy Rock endgültig aus seinem Tief holen wird. Bereits die beiden Opener 'Seas Of Madness' und 'Followed By The Moon' warten mit Hooklines auf, die die Gänsehaut vom Nacken bis unter die Fusssohlen krabbeln lassen. Merkt man eigentlich, dass man so einen Götterfunken zustande gebracht hat? Brüllt man laut "Wow!", egal wo einen die Eingebung gerade überkommt? Auf dem Klo, auf der Freundin, auf der Wartebank des Sozialamts? "Wenn man 'ne Weile mit Ideen herumspielt, klickt es irgendwann, und man weiss, dass man etwas echt Cooles komponiert hat", ist die eher nüchterne Antwort von PC 69-Sänger David Readman. "Handelt es sich um einen Beitrag von mir, muss ich ihn dem Rest der Band ja noch vorspielen. Wir sind richtig demokratisch, und die anderen drei wissen nach zwölf Jahren genau, was sie wollen. Da fliegt dann natürlich einiges auf den Müll. Den Löwenanteil der Melody-Lines haben Koffl (Alfred Koffler, g. - d.Verf.) und ich geschrieben. Ich mag Melodien, bin aber eher der Paul Rodgers- und Whitesnake-Typ. Es dauerte eine Weile, bis wir die richtige Formel entwickelt hatten." In diese Formel passen "Change" und "Food For Thought", die etwas alternativer angehauchten ersten beiden Alben mit David am Gesang (er ersetzte 1994 den zu Helloween entschwundenen Andi Deris), nicht mehr. "Ein paar Songs sind auf der letzten Tour noch aufgetaucht, aber jetzt haben wir mit "Sonic Dynamite" eine weitere Scheibe im Gepäck, die besser mit den ganz alten Platten und "Electrified" (dem '98er Longplayer, der bereits back to the roots ging - d.Verf.) harmoniert. Wir wollen mit "Sonic Dynamite" endgültig die klassischen PINK CREAM 69-Elemente zurückbringen. Da ich jedoch ein anderer Sänger als Andi Deris bin, wird es sich nie so anhören, als würden wir uns mit Absicht zurückentwickeln. Wir haben genau den richtigen Weg gefunden." PC 69 werden im April mit Axxis auf Tour gehen. Erwartet David in den Hallen einen Altersschnitt von über 30, oder sieht er eine Chance, auch den Nachwuchs für melodischen Heavy Rock zu begeistern? "Wir hatten in letzter Zeit immer ein sehr Achtziger-orientiertes Publikum. Manchmal sind ein paar jüngere Fans dabei. Die entdecken ja auch gerade alte Gruppen wie Black Sabbath und haben vielleicht irgendwann keinen Bock mehr auf das ganze blutige Black Metal-Zeug. Ob aber wirklich viele Kids in unsere Musik hineinwachsen, bezweifle ich. Auf der Tour mit Axxis erwarten wir zumindest 400 oder 500 Leute pro Show. Das wär schon mal was. Melodic-Rock ist zur Zeit ja nicht gerade der Brüller. Wir leben im Zeitalter der Elektronik und der Platten, die im heimischen Wohnzimmer zusammengemixt werden. Aber vielleicht rührt sich ja mal wieder was im Bereich der handgemachten Musik, wenn die Leute einfach die Schnauze voll von diesem ganzen Retorten-Müll haben." Technischen Aufnahme-Tricksereien stehen allerdings auch PC 69 nicht immer skeptisch gegenüber. Das bei der schönen Ballade 'Spread Your Wings' laut Info zu hörende "beseelte Streicher-Arrangement" ist z.B. gar keins. "Stimmt. Es ist schon toll, was man so alles mit diesen kleinen High-Tech-Geräten im Studio veranstalten kann. Sie sind ausserdem billiger als ein Orchester, nehmen keinen Platz weg und müssen auch nix essen, haha! Es wäre toll gewesen, echte Streicher zu haben, aber ein Kumpel von Vanden Plas hat das alles mal eben übers Wochenende arrangiert. Und das Ergebnis kann sich wirklich hören lassen." Weniger praktisch ist die Entwicklung im technischen Bereich, was die Möglichkeiten der CD-Brennerei angeht. Schlappe fünf Minuten braucht man mit einem anständigen Laufwerk, um "Sonic Dynamite" zu clonen. "Man muss den Kids schon früh begreiflich machen, dass es nicht in Ordnung ist, was sie da tun", stellt David klar. "Wenn sie es sich erst mal angewöhnt haben, wird man es ihnen später kaum noch austreiben können. Ich bin nicht besonders glücklich, wenn ich Freunde besuche, die eigentlich gar keine Ahnung von Computern haben, bei denen ich mir auch kaum vorstellen kann, dass sie von der Problematik wissen, und die dann dennoch ein halbes Dutzend von diesen selbstgebrannten Dingern in ihrer Sammlung haben. Ohne Cover, ohne Texte, ohne Fotos, ohne alles. Sie stehen lediglich auf die Musik, und die reicht ihnen. Ich muss zugeben, dass auch ich einen CD-Brenner besitze. Aber den benutze ich vor allem für meine eigenen Demos und nicht, um neue Platten zu kopieren. Die kaufe ich mir dann doch lieber." Apropos Demos. Beim Wühlen im Internet stiess ich auf zwei Side-Projects von dir: Three Amigos und Panic Recession. "Das ist nichts Ernstes. Panic Recession war eine Blues-Band, die sich auf Coverversionen spezialisiert hatte und aus echt professionellen Musikern bestand. Die Kiste hat wirklich Spass gemacht, fiel letztes Jahr aber leider auseinander. Three Amigos dagegen ist purer Fun. Wir spielen akustische Coversongs und treten quasi überall auf, wo's 'ne Steckdose gibt (für die Akustikklampfen? - Red.). Ich singe einfach gern und will auch gar nix anderes tun. Ich kann durch diese Auftritte immer ein paar Märker auf die Seite schaffen, was man als armer Mucker ja auch bitter nötig hat." Einen regulären oder zumindest Aushilfsjob hast du also nicht? "Nö, nicht wirklich. Ich mach so'n bisschen mit Computern rum, zusammen mit einem Freund. Aber das ist nix Besonderes. Musik ist mein Job. Ich bin natürlich auch nicht wirklich arm. Hauptsache, ich kann mein Auto volltanken und das tägliche Leben finanzieren." Hat dir die Pleite eures alten Labels High Gain nicht zunächst gehörige Zukunftsängste bereitet? "Ich habe das glücklicherweise gar nicht mitbekommen. Ich war zu der Zeit in England, und die anderen sagten mir erst Bescheid, als der Deal mit Massacre schon im Kasten war." ...der unter anderem deshalb so schnell zustande kam, weil die süddeutsche Company die Band signte, ohne vorher einen einzigen neuen Ton gehört zu haben. "Wir versuchen, den Songs erst im Studio den letzten Schliff zu geben, sie also im Vorfeld nicht zu perfekt auszuarbeiten. Auch bei den Lyrics fehlt oft noch 'ne Strophe, die ich dann auf den letzten Drücker schreibe. So kann man gute Ideen noch in letzter Sekunde einbauen. Das ist der Vorteil, wenn man nicht mehr bei Sony unter Vertrag steht. Die wollten immer supertolle Demos hören. Massacre hingegen haben uns vertraut. Mich kotzt es eh an, Demos zu machen." Auch die Coverversion des Police-Songs 'Truth Hits Everybody' ist recht spontan entstanden. "Ich weiss allerdings gar nicht, was mit dem Song passieren wird", zeigt sich David uninformiert. "Wir haben mit der Vorlage einfach herumexperimentiert. Das Stück ist schon seit Ewigkeiten ein Fave von Koffl. Es wird bestimmt auf der Japan-Pressung landen (und auf der hiesigen Digipack-Version - d.Verf.). Für die reguläre CD ist es aber nicht passend genug." Ganz im Gegensatz zu dem gelungenen Cover-Artwork, das Attitüde und Stil der Band gut in Szene setzt. "Das Bild ist am Computer bearbeitet worden. Das Mädel mit den schicken Stiefeln ist aber echt. Ich habe keine Ahnung, was mit dem Foto gemacht wurde, aber das Original sah auch schon ganz nett aus, haha." Und der Drink, den die Schöne in der Hand hält, ist dieser ominöse PINK CREAM 69-Cocktail, nach dem sich die Gruppe benannt hat? "Exakt. Das ist der Drink, den wir vor zwölf Jahren zubereitet haben. Wir hatten ihn seitdem im Kühlschrank stehen, und er schmeckt inzwischen etwas komisch, haha!" "Etwas komisch" findet der gebürtige Engländer, der das gesamte Interview in seiner Muttersprache absolviert, übrigens auch seine Deutschkenntnisse. "Na ja, isch kann schon Deutsch schpreschen, ne!? Aber die meisten Leuten wollen Interviews auf Englisch machen, was für misch natürlich auch gut ist, weil mein Deutsch net so toll is. Aber nach 20 Biers wird es besser, haha!" Und das war's dann auch schon mit unserem Plausch. David hat am heutigen Abend noch einiges vor. Als nächstes steht nämlich der Internet-Chat mit den Rock Hard-Lesern an. "Ich hoffe, dass ich die Antworten nicht selbst tippen muss", lacht er. "Dann würde die Angelegenheit recht einsilbig werden. Die Frage, ob das neue Album gut ist, würde ich wohl mit nicht mehr als einem schlichten "ja" beantworten." Für mehr gibt's aber immer noch die Print-Ausgabe des Rock Hard. Veröffentlicht:
"Rock Hard", #155, 2000 | |||||
|