Pink Cream 69
Pink Cream 69
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Der Mann mit dem Aktenkoffer

Kosta ZafiriouSeit anderthalb Jahrzehnten gehören PINK CREAM 69 zu den Haushaltsnamen im melodischen Hardrock. Die Träume von der ganz grossen Rock'n'Roll-Karriere sind zwar längst vorbei, doch Drummer Kosta Zafiriou & Co. haben im Laufe der Zeit gelernt, ihre Prioritäten abseits von Chicks, Alk und Posertum zu setzen.

PC 69 stehen trotz zwischenzeitlicher Stil-Exkursionen auch 2004 mit einer sympathischen Halsstarrigkeit für energischen, hoch melodischen Hardrock. Ein aufregendes Image und das Adaptieren aktueller Stil-Strömungen gehen der Band aus dem Raum Karlsruhe am Arsch vorbei. Und wenn sie dann doch mal mit einer Idee ankommt, die man schon mal gehört zu haben glaubt, erinnert sie gewiss nicht an Korn oder Linkin Park - sondern im Falle des Openers und Titeltracks der neuen Scheibe "Thunderdome" an AC/DC, deren 'For Those About To Rock (We Salute You)' unüberhörbar Pate stand.

"Nun, vom Feeling, Vibe und Riffing her lässt sich das nicht verleugnen", gesteht Kosta ohne Zögern.

"Später wird der Song jedoch typisch PINK CREAM 69. Ich sehe den Vergleich ohnehin als Kompliment. Wir galten die letzten 15 Jahre ja wohl kaum als AC/DC-Plagiat."

Musstet ihr dennoch in der Vergangenheit schon mal die Notbremse ziehen, wenn euch ein Track, den ihr frisch komponiert hattet, irgendwie bekannt vorkam?

"Ja, das gibt's ab und zu. Es kann sein, dass uns eine Idee zu sehr an eine andere Band erinnert - oder aber an uns selbst. Nimm zum Beispiel 'Stranger In Time' von "Electrified". Das war für uns eine Gratwanderung in Richtung 'Talk To The Moon' vom zweiten Album "One Size Fits All". Das war schon dicht beieinander. Aber wir Musiker und auch die Journalisten sehen das viel enger als die Fans. Die gucken eher, ob sie ein Song anturnt, als dass sie ihn total analysieren."

Bei PC 69 gingen die lautesten Vorwürfe ja auch eher in die gegenteilige Richtung. Als ihr zwischenzeitlich probiert habt, euch moderneren Stilrichtungen zu öffnen, war eure traditionelle Anhängerschaft gänzlich unbegeistert.

"Mit "Change" und "Food For Thought" haben wir uns Mitte der Neunziger in der Tat zu weit rausgelehnt. Wir haben während der Phase gelernt, dass wenn auf 'ner Platte PINK CREAM 69 steht, auch PINK CREAM 69 drin sein sollte. Man kann die Fans nicht in jede Richtung mitziehen. Also machen wir das, was wir am besten können."
Zwängt ihr euch dadurch nicht in ein stilistisches Korsett?

"Nö, das ist kein Korsett. Wir empfinden unsere kreative Arbeit nicht als Luft abschnürend, sondern als Guideline. Innerhalb dieses Rahmens sind wir durchaus facettenreich und schlagen diverse Haken. Sei es kompositorisch oder produktionstechnisch. "Thunderdome" klingt zum Beispiel deutlich moderner und mehr in-your-face. "Endangered" war noch viel aufgeblasener und polierter."

"Thunderdome" entstand unter ungewöhnlichen Bedingungen. Euer Gitarrist Alfred Koffler leidet an fokaler Dystonie (dem so genannten "Musikerkrampf"), einer unheilbaren Krankheit, die zum Verlust der Kontrolle über bestimmte Gliedmassen führt, ihn fast berufsunfähig gemacht hätte und sein Gitarrenspiel stark einschränkt. Wie schafft ihr es, nach diversen kommerziellen Tiefschlägen und einem allgemein in den Seilen hängenden Musikbusiness bei so einem Schicksalsschlag nicht zu sagen, "es ist eh alles scheisse, wir hören auf!"?

"Ganz einfach deshalb, weil nicht alles Scheisse ist (lacht). Im Gegenteil: Es ist scheissegal, wie viel Kohle wir verdienen. Es geht nur darum, dass es Spass macht, mit diesen Menschen Musik zu machen. Dennis (Ward, b. - jj), Koffel und ich spielen seit 1988 zusammen, und unser so genannter New Guy David (Readman, v. - jj) ist auch schon zehn Jahre dabei. Das spricht doch wohl für sich. Auf der menschlichen Ebene funktioniert es hervorragend."

Dennoch hat euch die Krankheit von Koffel fast lahm gelegt.

"Wir hatten eine Phase, während der wir echt nicht wussten, wie es weitergehen soll. Auf der 2000er Tour fing es an, und bei den Aufnahmen zu "Endangered" war klar, dass es ihm unmöglich sein wird, die Gitarrenparts live alleine umzusetzen. Er bot uns an, ohne ihn zu touren, aber das haben wir dankend abgelehnt. Es kam für uns überhaupt nicht in Frage, ihn zu ersetzen."

Koffel spielt inzwischen fast ausschliesslich mit zwei Fingern.


"Er hat sich eine neue Technik angeeignet und war somit in der Lage, auf "Thunderdome" alle Gitarren einzuspielen. Das hat er bei sich zu Hause gemacht. Es war ein langwieriger Prozess. Wir anderen haben erst danach unsere Parts aufgenommen. Das war echt geil, da die Gitarren zuerst fertig waren und ich ihnen meine Drums angepasst habe. Das gab ein ganz anderes Feeling, als im Studio auf eine Pilotspur zu spielen, wie das ja normalerweise der Fall ist."

Aber Koffel hat in erster Linie Stückwerk gespielt, aus dem die Gitarrentracks dann zusammengebastelt wurden?

"Ja."

Interessant ist bei PC 69, dass du zwar das Band-Sprachrohr bist, selbst aber keine Songs komponierst. Wie kann man sich das bei euch im Proberaum vorstellen? Sagen die anderen drei, wenn dir eine Idee nicht gefällt, einfach "Schreib doch selber was, wenn's dir nicht passt!"?

"Ich vertrete mit stolz geschwellter Brust die Position des dummen Trommlers, der gerade mal bis vier zählen kann (lacht). Wir haben drei Songwriter in der Band, die Demos aufnehmen und mit in den Proberaum bringen. Dann setzen wir uns als Team zusammen und geben den PINK CREAM-69-Schliff dazu. Da bin ich natürlich auch involviert. Jeder hat das Recht auf eine Meinung. Ich bin bloss etwas gehandikapt, wenn es darum geht, eine Alternativ-Idee anzubieten, da ich kein Komponist, sondern eher Theoretiker bin. Die anderen sind weitaus talentierter."

Und weil ihr bei PC 69 die Aufgaben nach Talent verteilt, bist du neben deiner Tätigkeit bei Bottom-Row-Promotion noch Tour- und persönlicher Manager von PC 69.

"Stimmt."

Du bist 37 Jahre alt...

"Das ist guter Hardrocker-Schnitt. Ich habe letztens Dio live gesehen und weiss, dass ich noch 'ne Weile durchhalten werde, hahaha."

Du bist zudem verheiratet, hast zwei Kinder und lebst ein komplett anderes Leben als am Anfang eurer Karriere.

"Das ist richtig. Die ersten Jahre haben wir uns überhaupt keine Gedanken gemacht. Es stand ja in jedem zweiten Magazin, wir seien das nächste grosse Ding. Irgendwann glaubt man das sogar. Wir hatten einen fetten Deal bei der Sony. Ich habe durchaus gedacht, dass ich in meinem jetzigen Alter meinen Arsch längst an einem Pool in Florida röste. Aber dann vollzogen wir auf "Games People Play" einen ziemlichen Stilwechsel. Wir wollten reifer werden und zeigen, was wir können. Das war ein Fehler. Man hat uns damals sogar vom Cover des japanischen "Burrn"-Magazins genommen, weil wir plötzlich keine Partymucke mehr machen wollten. Dazu kam der Grunge, der uns echt einen Todesstoss verpasst hat. Aber ganz am Anfang war es wirklich wild. Auf Tour zählten nur die Bühne, die Mädels und das Vollsaufen."

Jetzt musst du in deiner Eigenschaft als Tourmanager als Erster aus der Koje und bist als Letzter drin. Macht das Touren da überhaupt noch Spass?

"Ja, das tut es. Es kann natürlich anstrengend sein, wenn man der Ansprechpartner für 25 Musiker ist, und jeder, der einen Pickel hat, Hunger oder Durst bekommt, duschen will, die P.A. scheisse findet oder was weiss ich was für Wehwehchen hat, zu mir kommt. Wenn die anderen dann beim Feierabend-Bier sitzen, packe ich meinen Aktenkoffer und mache mit dem Veranstalter die Abrechnung. Dafür kommt gewiss keine Langeweile auf. Das Totschlagen der Zeit kann einem auf Tour nämlich echt die Nerven rauben."

Ihr tourt ja eh immer mit Axxis, und die hast du inzwischen bestimmt gut erzogen.

"Allerdings (lacht). Axxis sind cool und keine Jungspunde, die mit ihrem Ego durch die Decke gehen oder mir fünf Minuten, bevor ich selbst auf die Bühne muss, auf den Sack gehen."

Veröffentlicht: "Rock Hard", #202, 2004
Autor: Jan Jaedike

 
 
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