Pink Cream 69
Pink Cream 69
Pink Cream 69

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Ein Einstand nach Mass

Ein Einstand nach Mass (Zoom In)
Ein Einstand nach Mass (Zoom In)

Wenn es aus deutscher Sicht im noch laufenden Jahr etwas gegeben hat, das der Bezeichnung "kleine Sensation" gerecht wird, dann war dies zweifellos Pink Cream 69. Seit Helloween hat keine andere Band aus heimischen Gefilden mehr solchen Wirbel verursacht wie dieses Quartett aus dem Badischen Land. Axxis hin, Thunderhead her - die Kritiker waren sich ausnahmsweise mal einig und kürten die Karlsruher, die sich mit ihrem selbstbetitelten Debüt schnurstracks ins Rampenlicht katapultiert haben, mit dem Prädikat "Newcomer Nummer eins". Ein Einstand nach Mass.

Man sollte meinen, die Pinkies hätten nun allen Grund, sich auf die eigenen Schultern zu klopfen und die Lobpreisungen von allen Seiten genüsslich auszukosten. In gewisser Weise tun sie dies tatsächlich. Aber Sänger Andi Deris schätzt die Lage seiner Band trotzdem nüchtern genug ein, um nicht dem Trugschluss zu erliegen, der Griff nach den Sternen sei jetzt nur noch ein Kinderspiel.

"Die positiven Reaktionen auf unsere Platte sind alle schön und gut, aber eben doch nur ein Anfang. Gross herauszukommen ist natürlich ein Traum, den jeder von uns träumt. Jedoch backen wir erstmal kleine Brötchen. Als wir die Band gegründet haben, war unser Ziel mit der ersten LP einen richtig schönen Achtungserfolg zu landen, eine gesunde Basis aufzubauen und nicht, wie einige andere Bands, einen Hit auf der Scheibe haben, volle Kanone nach oben zu gehen und dann mit der zweiten Platte auf die Schnauze zu fallen. Pink Cream 69 ist als langfristiges Projekt geplant und nicht als Eintagsfliege. Wir wollen immer konstant eine Sprosse nach der anderen höherklettern. Die Angst, dass wir einige Sprossen zu schnell nehmen könnten und ins Stolpern geraten, steckt in jedem tief drin, weil es ja leider Gottes Bands gibt, denen das passiert ist Wie man Stufe für Stufe erklimmt, ohne ins Schlingern zu geraten, wollen Andi und seine Kumpels -das sind übrigens Gitarrist Alfred Koffler, US-Basser Dennis Ward und Kosta Zafiriou, der Grieche am Schlagzeug - am Beispiel von Heavy-Deutschlands ganzem Stolz erlernen. ..Man muss sich mit der Zeit etablieren, seine Basis über die Jahre hinweg ausbauen. Siehe Vorbild Scorpions, die haben lange geackert, bis sie da angelangt waren, wo sie jetzt stehen. Von dem Sockel kriegt man sie so schnell auch nicht mehr runter. Ohne Zweifel haben sie sich ihren Erfolg redlich verdient. Die ganze Schufterei hat sich für die Scorps gelohnt, sie können mit Recht behaupten, ein erfülltes Leben zu haben. Darauf habe ich irgendwie Bock. Ich will nicht gleich die Milliönchen auf dem Konto haben. Ich will mir etwas aufbauen, Stück für Stück. Jetzt das Fundament legen und später... irgendwas halt. Wir stehen momentan erst am Anfang."

Am Anfang oder nicht - erreicht hat die Band schon jetzt eine ganze Menge. Erst gewann sie Ende 1988 die Endausscheidung des Rockfabrik - Nachwuchsfestivals, dann gelang ihr das Kunststück, einen Major Deal bei CBS Records an Land zu ziehen. Gerade dieses Label hatte sich in den letzten Jahren stark zurückgehalten, wenn es darum ging, deutschen Heavy-Nachwuchs unter Vertrag zu nehmen. Nach dem Flop mit der ersten Craaft-Langrille 1986 schien die A&R-Abteilung der Company den Begriff Heavy Metal gar gänzlich aus ihrem Wortschatz gestrichen zu haben. Deshalb war es eine grosse Überraschung, als bekannt wurde, dass sich CBS die Pinkies unter den Nagel gerissen hatten.

"Es hat auch uns überrascht. Da hat offenbar ein längerer Gewöhnungsprozess stattgefunden, der uns selbst mehr oder minder entgangen ist. Aber die CBS hatte schon unser erstes Demo bekommen, eine 16-Spur-Eigenproduktion mit vier Stücken. Die Typen vom Studio, wo wir aufgenommen haben, fanden es so gut, dass sie meinten, es unbedingt an die CBS schicken zu müssen. Da hatten sie Bekannte. Das Band lag dann dort ein gutes Jahr auf dem Tisch, aus meiner heutigen Sicht durchaus begreiflich, denn so besonders war es nicht. Damals aber war es für uns das Grösste, wir waren einfach überzeugt, schon reif genug zu sein, um eine Platte machen zu können. Wenn ich das jetzt noch mal Revue passieren lasse, bin ich ganz froh, dass uns keiner gesignt hat. Der CBS, wie gesagt, lag das Tape vor, sie fanden OK, kontakteten uns aber vorerst nicht. Sie wollten uns erstmal eine Weile beobachten. Das ging dann fast ein Jahr so. Während dessen hatten wir auch mit anderen Platten-firmen zu tun, aber das verlief alles im Sande. Die bezahlten uns irgendwelche Vorproduktionen, liessen uns dann aber hängen. Da sind einige wirklich krasse Geschichten abgelaufen."

Etwa mit EMI Records, für die die Pinkies irgendwann einmal im Kölner Empire einen Showcase gespielt haben?

"Nee, mit der EMI war das wieder eine andere Sache. Die haben uns Kohle für Demos gegeben, bis dann deren Chef aus dem Urlaub zurückkam und den Schlussstrich zog. Ein Vierteljahr vor uns hatten die Axxis gesignt, und da stauchte der Big Boss erstmal seine Untergebenen zusammen, wie die denn dazu kämen, Demos zu finanzieren, wo doch für sowas gar keine Kohle da sei. Die Noise-Package mit Helloween und so weiter war auch gerade erst übernommen worden, so dass die Kassen scheinbar wirklich leer waren. Vielleicht hat uns der Typ aber auch nur scheisse gefunden. - Das mit der EMI war aber nicht so schlimm. Vorher hat uns WEA ganz schön verschaukelt. Damals war Lothar Meid noch der A&R-Chef, und bei dem bin ich ins Büro in Hamburg marschiert mit unserem ersten Demo Lothar hört sich die Titel an, steht auf und sagt toll, will ich unbedingt machen. Da bin ich erstmal zusammengebrochen, habe Schweissausbrüche gekriegt und gedacht, wow, ich habe 'nen Plattenvertrag. Er schüttelt mir die Hand, labert noch was von 150.000 Mark Produktionskosten und es würde schon alles klargehen. Aber dann kam kein Anruf mehr, gar nichts, obwohl wir den Mann regelmässig mit News bemustert haben und mit Auftrittsterminen er möchte doch mal bitte vorbeischauen bei einem der Gigs. Der zeigte einfach keine Regung. Das war schon ein starkes Stück, finde ich."

Auch die Majors halten sich bisweilen nicht an die Regeln des Fair play...

"Klar, das ssiz ist verdammt unbarmherzig, aber die WEA - Geschichte war richtig mit Händedruck besiegelt worden, und seinerzeit war ich halt noch so blauäugig, da drauf was zu geben. Heute würde ich sagen, solange es nicht schriftlich vor mir liegt, glaube ich es nicht. Ansonsten, träumen darf man ja. Für mich war das damals ein harter Schlag unter die Gürtellinie. Mit der CBS lief es ganz anders. Nachdem die vom Dirk Steffens noch eine Vorproduktion in die Hand gedrückt bekommen hatten, haben sie sich richtig um uns gekümmert, sich Gigs angeschaut, Open-Airs und so. Die haben das weiterverfolgt und scheinbar so viel Fortschritt gesehen, dass sie dann im Februar dieses Jahres die Batschkapp in Frankfurt mieteten Dort haben wir quasi für die Firme gespielt - und noch für zehn oder elf Kumpels aus Karlsruhe, die mitgefahren waren und vor der Bühne eine mächtige Party veranstalteten. Der Showcase brachte uns einen weltweiten Deal."

Besagter Dirk Steffens ist übrigens Produzent, hat in der Vergangenheit schon mit Accept und Sinner gearbeitet und besitzt eine Spürnase, die in den Pinkies gleich grosses Talent witterte.

"Kennengelernt habe Ich ihn an dem Tag, als ich von Lothar Meid einen "Deal" bekommen habe. Der Dirk wohnt quasi direkt gegenüber der WEA-Büros, da bin ich einfach mal rübergestiefelt und habe gesagt, hallo ich bin der Andi aus Karlsruhe. Er wuate schon von Stefan Schlabritz, einem Rundfunkredakteur, der viel für uns getan hat, dass ich vorbeischauen würde. Der Dirk ist halt ein ganz Herzlicher, er hat mich gleich hereingebeten, sich die Demos angehört und fand sie wirklich gut. So gut jedenfalls, dass er sich für uns den Arsch aufgerissen hat, damit wir einen Vertrag bekommen. Mit Erfolg, wie man sieht. Für uns war es deshalb auch eine Selbstverständlichkeit, dass Dirk das Album produziert."

Dass die Songs dieses Albums, die grösstenteils aus Andis Feder stammen, so gut ankommen, bestätigt den Sänger nachträglich noch einmal gegenüber seiner Ex-Band Kymera, die sein Material minderwertig gehalten hatte und dadurch unfreiwillig die Gründung von Pink Cream 69 forcierte.

"Kosta und ich waren damals beide bei Kymera und schon dort die besten Kumpels. Er kannte mein Repertoire und wusste, dass ich nicht unbedingt ein dummer Songschreiber war, sondern ab und an auch Sachen machte, die wirklich gut für Kymera gewesen wären. Ich hatte meine Songs alle in Form von 4-Spur-Demos aufgenommen und eigentlich nie mehr verlangt, als dass sich die anderen Mitglieder den Kram mal anhören und wir dann vielleicht zusammen entscheiden, was für die Band geeignet ist und was nicht. Aber die hielten noch nicht einmal das für nötig. Da hiess es nur, wir wollen deine Songs nicht hören, vertraust du denn nicht unserem Komponisten und Gitarristen, dem Bruno? Die selbsternannten Chefs von Kymera waren zwei italienische Brüder, gegen die kam man nicht an. Brunos Problem war damals Ideenmangel, da kam einfach nicht mehr viel Neues. Er hätte mal 'ne Pause gebraucht, einfach relaxen sollen, um dann nach ein paar Monaten wieder drauflos komponieren zu können. Deshalb habe ich meine Sachen angeboten, aber die reagierten nur, indem sie mich anpflaumten, von wegen Vertrauens- und Stilbruch. Die Diskussion ging zwei Wochen lang, in denen Ich mir vorkam wie der letzte Idiot. Kosta und ich sind dann zu dem Schluss gekommen, dass wir uns auf keinen Fall diktieren lassen. Es gibt Bands ml einem unumstrittenen Leader, die ganz hervorragend funktionieren, aber darauf hatten wir keinen Bock. Wir wollten lieber 'ne Band, in die jeder was einbringen dann. Der Alfred war als Gitarrist gleich unsere erste Wahl. Kosta hatte schon mit ihm zusammengespielt, ich hatte schon mit ihm anderthalb Jahre in anderen Bands auf dem Buckel. Dadurch war die kumpelhafte Basis gleich gegeben."

Und wie findet man dann einen Ami-Bassisten?

"Den findet man im "Guitar Player", wo er unter Bassist sucht Band inseriert hat. Dennis war gerade aus den Staaten nach Deutschland gekommen, sein Papi hat hier bei der Army einen Posten als Zivilbediensteter. In Amerika hat er sich seine Brötchen mit Clubtourneen verdient, das war mit einer Band namens Anthem, die auch eine Platte veröffentlicht hat. Vorrangig haben sie Sachen nachgespielt und sind so richtig tanzmucker-mässig durch die Lande gezogen. Jedenfalls haben wir bei ihm in Heidelberg angerufen und ein Meeting an einer Autobahntankstelle vereinbart. Wir kamen dort an und haben uns erstmal totgelacht. Da hing der Typ mit ölverschmiertem Gesicht über der Motorhaube, von hinten hast du nur 'ne zerflickte Jeans, ein paar Cowboy-Boots und ein amerikanisches Kennzeichen an diesem Opel gesehen. Irgendwie haben wir da schon gewusst, dass er unser Mann ist. Er kommt halt hoch, sieht uns mit völlig übernächtigtem Gesichtsausdruck an und meint, hey man, before you say a word, l had a hard night. Das war echt die Härte. Den ersten Eindruck von dem Typen werde ich nie vergessen."

Komplett ging es dann ohne Umschweife gleich zur Sache. Demos wurden gemacht und vielversprechende Kontakte zu Plattenfirmen geknüpft. Trotzdem schrieb sich die Band beim Nachwuchswettbewerb der Rockfabrik ein.

,,Von Anfang an hatten eigentlich immer irgendwelche Firmen an der Band Interesse, aber das war für uns kein Grund alles andere schleifen zu lassen. Diesbezüglich habe ich von Kymera gelernt. Immer wenn es geheissen hat, dass irgendwer uns unter Vertrag nehmen wollte lief komischerweise alles, das mit Musik zu tun hatte, langsamer, und es wurde viel mehr Zeit in Planungen, Diskussionen und Träumereien vergeudet. Weitergebracht hat uns das nicht, und wenn sich dann herausstellte, dass an dem Gerücht nichts dran war, wurden enttäuscht die Häupter gesenkt, weil aus den schönen Plänen nun doch nichts wurde. Deshalb haben wir uns bei Pink Cream gesagt, wir wollen Musik machen und müssen Geld verdienen, weil wir dummerweise einen Bankkredit aufgenommen hatten, um Equipment zu finanzieren, und die Bank wollte jeden Monat 900 Eier zurückgezahlt bekommen. Wenn du dir das Kit vom Griechen anschaust, kannst du dir ja vorstellen, wie viel wir ausgegeben hatten. Rückblickend war das eine gute Sache, weil sie uns indirekt einen Kick gegeben hat, einfach etwas tun zu müssen, um die Kosten wieder einzuspielen. Wir haben in zwölf Monaten gut 40 Gigs gemacht, was viel ist für 'ne Band ohne Deal. Von der Rockfabrik-Sacha hatten wir uns im Grunde nur amen weiteren Gig versprochen, die Vorausscheidung war ja erst unser dritter Auftritt überhaupt. Daa wir da gewinnen würden, war für uns selbst einige riesige Überraschung und eine angenehme obendrein, weil es zehn Mille Prämie gab, mit denen wir einige Schuldscheine begleichen konnten. Die CBS hat den Sieg übrigens gar nicht mitbekommen. Ein paar Tage nach unserem Showcase in der Batschkapp hatte ich die Typen mal gefragt, was sie denn davon gehalten haben. Sie fragten nur zurück: "Was meinst du, Mann, was ist denn die Rockfabrik?!""

Jeder hat seine Bildungslücken. Meinereiner weiss z.B. nicht, was hinter dem Namen Pink Cream 69 steckt.

"Die zur Zeit am meisten gestellte frage. Ok, der Hintergrund Ich sass irgendwann einmal in einem Hotel in der Bar, greife mir die Getränkekarte und sehe da 'nen Cocktail namens Pink Cream 69. Das hat mir einfach gefallen, weil es etwas anderes war als Bloody Death Killer oder so, völlig frei von allen Metal-Klischees. Grund Nummer eins für den Namen war also: Er klang gut und er klang anders. Endgültig festgelegt haben wir uns dann nach dem Meeting mit dem Ami. Der fragte uns irgendwann, wie die Band eigentlich heisst, und wir haben es ihm natürlich gesagt. Da klappte ihm die Kinnlade runter. Er setzte sich hin und murmelte was davon, dass er das unmöglich seiner Mutter beibringen Könnte. Ami erklärte dann, dass Pink nicht unbedingt für 'ne Farbe stehen muss, sondern auch Höhepunkt heissen kann. Cream, belehrte er uns, sei ein Slangausdruck für Selbstbefriedigung, und die 69 muss man ja nicht weiter kommentieren. Grund Nummer zwei für den Namen war schliesslich: Ein bisschen kontrovers zu sein hat noch keinem geschadet. Oder liege ich da falsch?"

Keineswegs Andi, keineswegs...

Veröffentlicht: "Metal Hammer" #24, 1989
Autor: Oliver Klemm

 
 
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