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| Brecher & Balladen
Zumal das Resultat beachtlich ausgefallen ist. "Come In From The Rain" besticht mit einer wunderbar homogenen Mischung aus edlem balladeskem Stoff, knackigen Härtnern und tonnenweise tollen Melodien, die alle Facetten von Andis Gesang ausloten. Angesichts des vollgestopften Terminplans kam das Teil aber doch etwas überraschend ins Haus geschneit, zumal von einer Auszeit absolut nicht die Rede sein kann, wie Herr Deris glaubhaft versichert: "Wir kamen gerade von der World-Tour zurück, und ich hatte massig Songs stehen, die ich sofort aufnehmen wollte, da im September schon wieder die nächste Helloween-Scheibe ansteht. Mir blieb also nicht mehr als die übliche Pause zwischen zwei Alben." Dennoch stellt sich die Frage nach dem Grund für den Alleingang. War der künstlerische Aspekt ausschlaggebend? Oder hast du nur Frühjahrsputz gemacht und beim Aufräumen 'ne Handvoll Songs in der Schublade gefunden? "Eher eine Mischung aus beidem. Ich hatte Zeit, Bock und genügend Songs, die ich schon immer mal auf einer CD haben wollte. Die Sachen sind zum Teil bis zu sechs Jahre alt, obwohl 60 Prozent in den letzten drei Jahren und teilweise noch während der Japantour entstanden sind, also gerade mal vier Wochen, bevor die Platte aufgenommen wurde." Da dürften auch einige Überbleibsel aus PC 69-Tagen mit am Start sein, oder? "Ja, klar. Ich habe eigentlich immer Ideen und Refrains in der Hinterhand, und da hat sich im Laufe der Jahre einiges angesammelt. Darunter auch Songs, die ich nicht auf eine Helloween-Scheibe bringen will, da ich der Band keine zweite "Chameleon" zumuten möchte. Schliesslich stehe ich trotz meiner Vorliebe für grosse Melodien auch auf die harten, schnellen Geschichten. Ich bin ja selbst Metaller und bange mir gerne mal einen ab." Weshalb ein Speedsong wie 'The King Of 7 Eyes' auf "Come In From The Rain" alles andere als fehl am Platz ist. Das Teil würde glatt als astreine Helloween-Nummer durchgehen. "Exakt. Auf dem Song haben auch Weiki, Roland und Markus mitgewirkt. Das war einfach nötig, damit die bösen Zungen verstummen, die mir vorwerfen, ich würde jetzt bei Helloween abhauen und eine Solokarriere anstreben. Vor allem im Internet kursierten da die wildesten Gerüchte." Dabei kann man "Come In From The Rain" durchaus als gelungenen Brückenschlag zwischen PC69 und Helloween betrachten. "Ich hoffe auch, dass mir keiner dafür auf die Fresse haut, haha. Obwohl es kein Abklatsch von beidem ist und ich ganz einfach meine persönlichen Faves rausgepickt habe, denke ich, dass die Scheibe den Fans gefallen müsste." Wovon auszugehen ist. Immerhin bist du dir treu geblieben und hast keine Rap- oder HipHop-Geschichten auf den Silberling gepackt. "Eben. Da kann ich auch nur die alte Geschichte zum 180. Mal aufwärmen. Die Tatsache nämlich, dass ich das PC 69-Debüt und mindestens die Hälfte der zweiten Scheibe bereits im Duschraum bei der Bundeswehr geschrieben habe. Ich kann gar nichts anderes machen, als solche Dinger zu schreiben. Bei Helloween geht ja meist die Artillerie ab, weshalb die Melodien manchmal etwas in den Hintergrund rücken. Dennoch bin ich bei Brechern genauso dabei wie bei Balladen. Ich muss nur aufpassen, dass ich mich nicht wiederhole und fünf Titel wie z.B. 'Perfect Gentleman' oder 'Anything My Mama Don't Like' schreibe. Hey, ich bin sogar so grössenwahnsinnig, dass ich im Studio vor den Monitoren hocke und mir vorstelle, wie das wohl im Stadion kommt. Da steigere ich mich richtig rein. Und es ist schon ein komisches Gefühl, wenn man dann aufsteht und merkt, dass man die Pantoffeln anhat und zu Hause ist." Immerhin. Ein schönes Zeichen dafür, dass der Gute den Bezug zur Realität nicht verloren hat und immer noch mit beiden Beinen im Leben steht. Um aber nochmal auf deine ehemaligen Brötchengeber zu sprechen zu kommen: Wie fandest du die letzten zwei PC 69-Alben? "Die Vorletzte fand ich nicht so toll, und bei der Neuen muss ich noch genauer reinhören. Sie klingt aber auf Anhieb besser, obwohl du mich da musikalisch nicht festnageln darfst, da ich wenig Bezug zu dieser Sorte Musik habe. Das ist mir einfach nicht zeitlos genug. Da lasse ich mir schon lieber den Vorwurf gefallen, dass ich ein Kommerzrocker, elender Melodienschinder und Ohrwurmverbrecher bin. Ehrlich gesagt: Ich betrachte das sogar als Auszeichnung." Gibt es für diese Geschichte Tourpläne oder beabsichtigst du einige der Songs in Helloween-Shows zu integrieren? "Eine eigene Tour macht kaum Sinn, da ich unter zwei Stunden nicht auf die Bühne gehe und keinen Bock habe, zehn alte PC 69-Kamellen runterzuhacken. Vielleicht landet ja der eine oder andere Song in einem Helloween-Set. Sozusagen als Gimmick. Schliesslich hänge ich mir öfter mal die Akustische um, wenn die Jungs mal wieder zu faul sind. Das hat sich mittlerweile regelrecht eingebürgert. Wenn Herr Weikath auffen Pott muss, spielt der Andi eine Akustiknummer. Ich finde das auch okay, denn von solchen Elementen lebt die Show." Und was genau hast du dir für die Zukunft vorgenommen? "Na ja, ich würde das gerne noch zweieinhalb Jahre durchziehen und dann eine Pause einlegen. Da ich einen Sohn habe, muss ich so weit vorausplanen. Bis dahin hätte ich auch die nächste Soloscheibe im Kasten. Aber ganz ohne Musik geht's natürlich nicht. Ich könnte mir gut vorstellen, mal zwei, drei Bands in meinem Studio zu produzieren." Was glaubst du, in welche Richtung der musikalische Zug in den nächsten Jahren tuckert? Rechnest du mit dem oft prophezeiten Revival klassischer Hardrock-Sounds? "Die
Guten aus jeder Richtung werden überleben. So war das schon immer. Aber was
das nächste grosse Ding wird, weiss keiner. Man hat zu viele Jahre an MTV
geglaubt. Aber mittlerweile sind die Fans etwas skeptischer geworden und haben
bewiesen, dass sie mitdenken und nicht mehr alles wortlos hinnehmen, was die Amis
als hip propagieren. Das ist völlig okay so, denn das war in der Vergangenheit
oft peinlich anzusehen." Veröffentlicht:
"Rock Hard" #124, 1997 | |||||
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