Pink Cream 69
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Dengländer mit vollen Kühlschränken

Pink Cream 69Kinder, wie die Zeit vergeht! Zwölf Jahre ist es inzwischen her, dass PINK CREAM 69 mit ihrem selbstbetitelten Debüt mächtig Staub aufwirbelten. Auch wenn die Combo Mitte der Neunziger kurzzeitig auf "Abwege" geriet, sind die sympathischen Karlsruher eine feste Grösse in der europäischen Heavy-Szene. Daran wird sich auch mit Veröffentlichung Nummer zehn nichts ändern, wie Buffo in Vertretung von PC 69-Intimus Albrecht bei seiner Stippvisite im Studio feststellte.

Ihr kennt doch sicher alle den indischen Taxifahrer aus der KitKat-Werbung? Nun, wie es scheint, hat der sangeslustige Bursche einen Bruder oder Vetter im badischen Bruchsal. Auf alle Fälle sieht der Typ, die mich zu den House Of Audio-Studios nach Karlsdorf kutschiert, dem Kerl aus dem TV-Spot verflixt ähnlich. Gottlob muss ich Herrn Singh aber keinen Schokoriegel in den Hals stopfen, denn der freundliche Hindu quäkt lieber in sein Handy, anstatt mir die aktuellsten Schlager aus seiner Heimat vorzuträllern. Glück gehabt! Selbiges ist mir auch im luxuriösen Soundtempel hold, in dem die "Pinkies" einem handverlesenen Grüppchen Musikjournalisten ihre neue Scheibe vorstellen.

Erwartungsgemäss knüpfen die Jungs mit dem aktuellen Material dort an, wo sie mit den letzten beiden Verlautbarungen "Electrified" ('98) und "Sonic Dynamite" (2000) aufgehört haben. Kerniger, oft fröhlicher Hardrock mit hohem Wiedererkennungswert ist also auch auf dem achten Studioalbum Trumpf. Für den nötigen Kick sorgt dabei vor allem Stimmwunder David Readman, der mit seiner glasklaren, energischen Röhre seinen Vorgänger Andi Deris (Helloween) deutlich in die Schranken weist, und unter den elf Songs plus Intro aus der Feder von Gitarrenmagier Alfred "Koffl" Koffler findet sich nicht ein einziger schwacher Track. Ausserdem deckt man mit flinken Ohrwürmern wie dem Opener 'Shout', 'Trust The Wiseman' oder 'Enslaved', Kommerzrockern ('Promised Land', 'High As A Mountain', Pinball Wizard') Midtempo-Stampfern ('Don't Need Your Touch', 'He Took The World'), getragenem Bombast ? la 'Shadows Of Time' und den gefälligen Balladen 'In My Dreams' und 'One Time Is Not Enough' einmal mehr die gesamte Bandbreite des Genres adäquat ab.

Auch wenn das grungige "Food For Thought"-Opus aus dem Jahre '97 mein persönlicher PC 69-Favorit ist und bleibt, rockt das multikulturelle Quartett (ein Engländer, ein Ami, ein Grieche, ein Deutscher) mit dem noch unbetitelten Album wieder vorzüglich das Haus. Fragt sich nur, warum die Jungs so kurz vor der Veröffentlichung noch immer ohne Titel dastehen?

Koffl: "Albumtitel und Cover waren bei PC 69 schon immer 'ne Last-Minute-Geschichte. Beim letzten Mal bot sich ein Song vom Album an, was diesmal aber nicht der Fall ist. Deshalb sind wir im Augenblick ein bisschen am Rotieren, zumal auch das Artwork von Martin Häusner noch nicht fertig ist. Hoffentlich klärt sich das die nächsten Tage, sonst erscheint die CD halt ohne Booklet, haha."

Stilistisch frönt ihr wieder dem guten alten Hardrock, nachdem ihr Mitte der Neunziger mit den beiden Alternative-Scheiben "Change" und "Food For Thought" viel Kritik einstecken musstet. Wird es bei dem bewährten Stil auch in Zukunft bleiben?

Koffl: "Als David '94 in die Band kam, musste sich die Band erst einmal neu finden. Da ein Sänger den Gesamtsound einer Gruppe dramatisch prägt, war das auch ganz natürlich. Im Übrigen denke ich schon, dass wir die Richtung der letzten Scheiben auch in Zukunft weiter verfolgen werden. Allerdings wollen wir uns dabei nicht eins zu eins wiederholen, sondern versuchen, jedes Album ein wenig anders klingen zu lassen."

Habt ihr mit Pro-Tools gearbeitet?

Koffl: "Da Dennis (Ward, Basser & Producer - Red.) mit diesem ganzen Soundscape-Zeugs gross geworden ist, haben wir damit aufgenommen. Im Prinzip ist das aber dasselbe in grün und nimmt sich nicht viel."

Früher habt ihr noch analog, also mit Bandmaschinen gearbeitet. Klingen solche Recordings wirklich wärmer als digitale Produktionen?

Koffl: "Beides hat seine Vorzüge. Es stimmt schon, dass das Analoge in puncto Sound Vorteile bietet. Andererseits kann man digital leichter editieren und besser herumprobieren. Ausserdem lässt sich so viel schneller arbeiten. Ein ganz simples Beispiel für den Laien: Wenn man mit einer herkömmlichen Bandmaschine arbeitet, muss man ständig spulen. Das kennt man vom Tapedeck daheim, wenn man von Punkt A nach B will und dabei ewig warten muss. Dies fällt beim Harddisc-Recording natürlich weg. Man kann also sofort einen neuen Take einspielen."

David: "Für mich als Sänger ist das eher ein Problem. Früher hatte ich, während die Bandmaschine zurückspulte, etwas Zeit, Luft zu holen, bevor ich mich wieder an den Gesang machte."

Ist PINK CREAM 69 für euch überhaupt noch ein Fulltime-Job? Ich frage, weil sich Dennis zu einem gefragten Producer gemausert hat, Kosta mittlerweile bei eurer Managementfirma Bottom Row schafft und David als Solokünstler in Kneipen auftritt bzw. kürzlich auf dem Adagio-Erstling "Sanctus Ignis" zu hören war...

Koffl: "Jeder in der Band hat mittlerweile seine Nebenjobs und Bands, um seinen Kühlschrank zu füllen und die Miete zu zahlen. Obwohl ich 'ne Zeitlang Gitarrenunterricht gegeben habe und die Hälfte der Songs für die DC Cooper-Soloscheibe geschrieben habe, ist PC 69 vom Herzen her für mich nach wie vor ein Fulltime-Job."

Profitiert ihr eigentlich davon, dass bei euch Musiker aus vier verschiedenen Ländern mitwirken?

Koffl: "Obwohl uns schon viele Leute gefragt haben, wie sich das auswirkt, habe ich darüber nie grossartig nachgedacht. Es funktioniert einfach. Dass David von der Insel kommt, ist aber ein Riesenvorteil für uns; gerade wenn man sich die Texte anderer deutscher Acts durchliest oder die schreckliche Aussprache mancher Sänger hört."

David: "So etwas scheint den meisten Fans hierzulande aber völlig egal zu sein. Dabei gibt es da eine ganze Reihe Spezialisten. Und damit meine ich nicht Klaus Meine von den Scorpions. So schlecht ist der nämlich gar nicht."

Was ist eigentlich Amtssprache bei PC 69? Deutsch, Englisch oder "Denglisch"?

Koffl: "Teils, teils. Wenn David ein paar Bier getrunken hat, spricht er mehr Deutsch, und selbst Dennis redet im Suff komischerweise Deutsch. Da lachst du dich natürlich tot."

Veröffentlicht: "Rock Hard", #173, 2001
Autor: Buffo Schnädelbach

 
 
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