Pink Cream 69
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PINK CREAM '95

Der Kollege Klemm, vor dessen schreiberischen Qualitäten ich mich verbeuge, dessen hellseherische Fähigkeiten aber noch eines Beweises bedürfen (und dessen Manieren stark zu wünschen übrig lassen - Red.), meinte in der März-Ausgabe dieser Gazette, der musikalische "Change", den PINK CREAM 69 nach dem Weggang von Sänger Andi Deris und dem Einstieg des Engländers David Readman unternommen haben, sei "zu gut, als dass die Pinkies mit ihm scheitern könnten".

Pink Cream 69Auch der Kollege Schäfer wusste nur Bestes zu berichten über das neue Album der Karlsruher Formation, das von den Richtern in der gleichnamigen Skala des letzten Heftes mit durchweg guten Zensuren bedacht wurde. Als PC 69-Fan der ersten Stunde - lange bevor sie einen Deal hatten - vernehme ich derlei Jubelrufe mit Wohlwollen. Allein, mir fehlt der Glaube. Nicht, dass ich "Change" ein schlechtes Album fände; keineswegs. Doch obwohl ich im Grunde ein positiv denkender Mensch bin, so teile ich trotzdem nicht die Hoffnungen der oben genannten Herrschaften und der Musiker selbst, die diese unerschütterlich in die Heavy-hörende Menschheit setzen. Mit anderen Worten, so wie sich die Mentalität des homo sapiens in seiner bisherigen Geschichte als die eines Gewohnheitstieres dargestellt hat, besteht durchaus die Möglichkeit, dass die Pinkies mit ihrem neuesten Werk abkacken. Was mir persönlich leid täte.

Alfred Koffler, nicht nur ein Meister auf der Gitarre, sondern auch in der schamlosen Untertreibung, tut ganz unschuldig, spricht man ihn auf den völlig unerwarteten und vollkommen durchgreifenden Stilwechsel an, den das neue Album vorweist. "Ja, es geht schon in eine etwas andere Richtung", meint der Schelm. "Logisch, dass es unser bestes Album ist, das ist klar. Das sagt jede Band. Allerdings haben wir den Wechsel nicht durchgeplant und gesagt: "Wir machen jetzt was radikal anderes, wir müssen jetzt neunzigermässig klingen." Es war eher ein natürlicher Prozess über die letzten eineinhalb Jahre hinweg."

Damals, so erinnern wir uns der Dokumentation des Genossen Klemm, schrieb Koffl die ersten Songs, die ganz anders waren als das, was die Pinkies bislang von sich gegeben hatten. Nahezu sicher, dass sie mit Deris nicht zu verwirklichen wären, schloss er die Kompositionen weg und gestattete sich auch nicht die Erwägung eines Solo- oder Side-Projektes. "Nee, hab? ich nie dran gedacht. Das ist alles einfach in die Schublade gewandert." Wie es kam, dass sein Songwriting plötzlich in eine neue Richtung wies, von der Schlagzeuger Kosta Zafiriou und Basser Dennis Ward sogleich begeistert waren, erzählt er sodann:

"Sagen wir's mal so: Für mich wär's sehr, sehr langweilig, wenn ich 20 Jahre lang dieselbe Mucke machen müsste. Für mich ist es wichtig, immer einen Schritt nach vorne zu gehen (Anm.: Ansichtssache, ob das ein Schritt nach vorne ist oder vielleicht nur einer seitwärts) und sich zu verändern. Man hört auch viele Sachen, und wenn nicht bewusst, dann wird man doch unbewusst davon auch ein bisschen beeinflusst. Nicht, dass ich mir Gedanken darüber mache, dass ich jetzt moderner, heavier, softer oder so werden muss, sondern es sind Ideen, die einfach rauskommen. Die erste Hürde ist dann, die Jungs in der Band zu überzeugen. Alles andere ist Nebensache; es muss uns gefallen. Dann hoffen wir natürlich, dass es auch vielen anderen Leuten gefällt."

Das Motto heisst "think pink!" Frohen Mutes vertraut die Band darauf, dass auch ihre Fans und deren Hörgewohnheiten sich geändert haben. "Es wäre natürlich was Sicheres gewesen, die alten Alben zu kopieren, aber das liegt uns fern", erzählt er weiter. "Bisher hat jedes Album ein bisschen anders geklungen. Es war immer eine Stufe, die wir genommen haben, jetzt sind's vielleicht zwei auf einmal. Aber ich denke schon, dass wir auf sehr offene Ohren stossen."

Von seiten der Plattenfirma jedenfalls sei "das völlige Vertrauen in die Band" dagewesen, somit "auch ein Ansporn, weiterzumachen" nach dem Ausstieg des Andi Deris. Was aber hat eigentlich Koffel in der letzten Zeit besonders gefallen und damit inspiriert - ob nun bewusst oder unbewusst?

"Mein persönlicher Musikgeschmack geht wirklich von A bis Z, und ich denke, dass auch alles in die Songs miteinfliesst. Ich hoffe aber gleichzeitig, dass nichts Konkretes, also nicht nur eine Band aus den neuen Sachen herauszuhören ist. Im Grunde ist da eine grosse Suppe, aus der ich was rauszuziehen versuche, das dann doch wieder eigenständig klingt."

Persönlich hört er gerne "hauptsächlich Rock. Aber da eigentlich jede Sparte. Von softeren Sachen wie Tom Petty bis hin zu Pantera. Van Halen ist nach wie vor eine meiner Lieblingsbands. Aber auch Prince - ich bin totaler Prince-Fan; etwas HipHop; auch im Techno-Bereich gibt's ein paar coole Sachen, allerdings geht?s mir recht schnell auf den Zeiger, wenn ich davon zu viel höre. Es ist also schon ein sehr breites Spektrum, das mir zusagt." Ein breites Spektrum wird auch, in bester Band-Tradition, auf "Change" dokumentiert. Gerade im Bereich der Gesangs-Melodien sind beispielsweise Beatles-Einflüsse herauszuhören.

"Das ist ein Treffer! David ist ein totaler Beatles-Fan. Er hat, glaube ich, jedes Album und fängt jetzt gerade an, sich jede CD nachzukaufen, die er kriegt. Da liegst du also nicht falsch, das sind schon seine Roots. Allerdings bin ich jetzt überrascht, denn du bist der erste, der das sagt."

Und das, nebenbei bemerkt, obwohl ich die Beatles nie richtig mochte; mir waren die Stones immer näher. Doch nicht nur Liverpool grüsst: Mit "Change" ist auch Karlsruhe einer von vielen Seattle-Vororten geworden.

"Wir haben versucht, einfach ein bisschen rauher zu klingen", erklärt Koffl dazu. "Diese ganzen Seattle-Grunge-Sachen sind ja auch nicht mehr so durchproduziert, sondern klingen einfach rauh und live. Das rüberzubringen, war eigentlich unsere Absicht, denn in der Vergangenheit hat's immer wieder geheissen: "Live habt ihr richtig Dampf!" Und auf Platte war's immer ein bisschen zu poliert für viele. Wir haben diesmal einfach live aufgenommen. Wir waren zu dritt in einem Raum, und David hat in einem anderen gesungen. Wir haben die Songs zehn- bis fünfzehnmal durchgegeigt, bis die Version da war, bei der wir gesagt haben: "Geil! Da stimmt das Feeling, und es klingt alles ordentlich". Bei acht oder neun Songs haben wir tatsächlich nichts ausgebessert, und bei drei, vier Songs war mal hier und da ein kleiner Schnitzer, bei dem wir noch mal drübergegangen sind. Gut, hinterher kamen schon noch Overdubs dazu, gerade was die Gitarre und die Vocals anging. Wir haben auch keinerlei Klick-Tracks verwendet, daher schwankt's auch hier und da mal, aber das ist eigentlich ganz bewusst."

Dementsprechend zügig gingen die Aufnahmen voran, im Gegensatz zum Vorgänger "Games People Play", für den sich die Band dreieinhalb Monate im Sudio verschanzt hatte.

"Diesmal haben wir fünf Wochen aufgenommen und zwei Wochen gemixt. Wir haben ausführlich vorproduziert. Shay, unser Produzent, war drei Wochen in Karlsruhe; wir sind im Proberaum über die Songs gegangen, haben rumarrangiert, hier und da Parts ausgetauscht. Wir waren also sehr gut vorbereitet."

'20th Century Boy', der alte und schon von mancher Band neu eingespielte T. Rex-Klassiker, ist nicht die erste Cover-Version, die PC 69 im Repertoire haben, aber die erste, die auf einem Studio-Album erscheint, sogar als Single ausgekoppelt wird und naturgemäss ein Video erhält.

"Für uns war das nicht als Single geplant, aber die Sony fuhr voll drauf ab. Selber verliert man ja eh den Überblick ein bisschen, was die eigenen Songs angeht." Wollen wir hoffen, dass er ihnen nicht ganz abhanden kommt. Einen Cover-Song als Single herauszubringen, ist meiner Ansicht nach jedenfalls immer eine zweischneidige Sache. Zumal sich die Pinkies-Version nun nicht so grossartig vom Original unterscheidet, wie Koffl selbst meint und auch Genosse Klemm - möge Ganymedes immer seine sorgende Hand über ihn halten - zu hören glaubte, der das Stück erst beim Chorus wiederzuerkennen imstande war. (Ha, Klemm! Ha! - Red.)

Für die nun anlaufende Tournee gilt es, alte Songs, die ganz und gar auf Andis Stimme zugeschnitten sind, teilweise völlig umzukrempeln. Zwar könnte David sie genauso singen wie Deris, aber das will keiner. Die Vorgehensweise ist dabei denkbar simpel: "Wir spielen einfach drauflos und schauen, wie's klingt. Die Parts, die scheisse klingen, werden wir irgendwie austauschen. Wir versuchen ja live nie, genauso zu klingen wie auf Platte, um's für uns und die Fans interessant zu halten. Wenn du einen Song zum hundertsten Mal genauso wie auf Platte hörst, wird's langweilig. Daher arrangieren wir eh immer gern ein bisschen um. Den Song ruinieren darf man natürlich nicht."

Eines der Sorgenkinder ist beispielsweise ‚One Step Into Paradise', wohingegen ein Stück wie ‚Talk To The Moon' auf Anhieb zu David passt. Denn der steht nicht nur auf die Beatles, sondern auch auf Led Zeppelin.

"Klingt supergut, ja", bestätigt Koffl. "Das ist zum Beispiel ein Song, bei dem wir nichts grossartig umbauen müssen."

Auf dem Wunschzettel stehen natürlich die Highlights der ersten drei Alben, ansonsten wird das Augenmerk hauptsächlich auf dem neuen Material liegen. "Wahrscheinlich spielen wir fast das komplette Album. Es wird vielleicht der eine oder andere Song dem Rotstift zum Opfer fallen, etwa dann, wenn's zu viele Balladen sein sollten. Auch 'Freakshow' ist durch die ganze Percussion sehr schwer zu realisieren."

Das sind denn auch schon die einzigen Vorbereitungen, die das Quartett unternimmt.

"Wir werden einfach rausgehen und natürlich sein. Wie wir sind, so werden wir uns auch geben. Gross was einstudieren, das war noch nie unser Ding, in der Vergangenheit nicht und jetzt noch weniger. Lichtmässig und vom Bühnenaufbau her werden wir natürlich schon was bieten fürs Geld, das war ja auch immer ein Markenzeichen von uns."

So möge ihnen denn Apollon wohlgesonnen sein, auf dass PINK CREAM '95 und ihre neuen Lieder aufmerksame Zuhörer finden.

Veröffentlicht: "Rock Hard", #96, 1995
Autor: Mike Seifert

 
 
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